Rechtsruck in Europa

Rechtspopulistische und rechtsextreme Parteien

Ob Schweden und Finnland im Norden, Polen und Ungarn im Osten oder Italien und Spanien im Süden: rechtspopulistische und rechtsextreme Parteien werden seit Jahren europaweit immer stärker. Woran liegt das? Bereits bei den Europawahlen 2014 und 2019 ging ein Gespenst um in Europa – das Gespenst des Rechtspopulismus. Für die Europawahl 2024 zeichnete sich schon im Vorfeld in Umfragen ab, dass EU-skeptische, rechtspopulistische oder (extrem) rechte Parteien weiter an Stimmen hizugewinnen werden – und damit an Einfluss im Europäischen Parlament.

Tatsächlich konnten die Rechtsaußenfraktionen bei der Europawahl 2024 an Stimmen hinzugewinnen. Bislang hatte die Fraktion der Europäischen Konsrevativen und Reformer (EKR) 69 Sitze, die Fraktion Identität und Demokratie zum Ende der Legislaturperiode 49 Sitze. Hinzu kam beispielsweise die deutsche AfD, deren zwölf Europa-Abgeordnete kurz vor der Wahl 2024 aus der ID-Fraktion ausgeschlossen wurden.

In der Legislatur-Periode 2024-2029 gibt es nun mit der neuen Fraktion „Patrioten für Europa“ (PfE, 84 Sitze), der EKR-Fraktion (73 Sitze) sowie der ebenfalls neuen Fraktion „Europa Souveräner Nationen“ (ESN, 25 Sitze) nicht nur eine rechte Fraktion mehr im EU-Parlament, auch die Gesamtzahl der Abgeordneten ist deutlich gestiegen. So verschieben die Rechtsaußenparteien das Zentrum des Europäischen Parlaments zwar weiter nach rechts, ändern aber wohl zunächst nichts an der grundlegenden Gewichtung der politischen Lager.

Es ist nicht leicht, zwischen populistischen EU-Gegnern und der extremen Rechten zu unterscheiden – zumal es eine erhebliche Schnittmenge gibt. Sie vereint eine tendenziell nationalistische, fremdenfeindliche Haltung mit Positionen gegen die europäische Integration und einen harten Kurs in der Migrationspolitik. Das Thema Europafeindlichkeit wird seit einigen Jahren massiv von Rechtsextremen für den Wahlkampf genutzt.Teilweise sprechen sich die Parteien für einen Austritt aus dem Euro-Raum oder für einen kompletten EU-Austritt aus  – oder gar die Abschaffung des Europäischen Parlaments.

Aber nicht alle antieruopäischen Populisten hängen rechtsextremem Gedankengut an. Ihre Anhängerschaft rekrutiert sich, wie ein Blick auf die Bewerber:innen um Parteiämter verrät, vor allem aus den unter Druck befindlichen mittleren gesellschaftlichen Schichten. Gerade in den Ländern mit traditionell hohen Zuwandereranteilen wie Frankreich oder den Niederlanden gelang es den Populisten in den vergangenen Wahlperioden zu einem frühen Zeitpunkt, Immigration und „den Islam“ als Hauptursache für alle möglichen sozialen Konflikte darzustellen.

Ergebnisse der Europawahl 2024

Bei der Europawahl 2024 waren knapp 370 Millionen Bürgerinnen und Bürger in den 27 Mitgliedsländern aufgerufen, mit ihrer Stimme über den künftigen Kurs der Europäischen Union mitzuentscheiden. In Deutschland waren 65 Millionen Menschen wahlberechtigt, darunter auch erstmals Jugendliche ab 16 Jahren. Wie haben die Parteien abgeschnitten? Wie sehen die Ergebnisse in den Bundesländern aus? Welche Ergebnisse gab es europaweit? Wie ist die künftige Sitzverteilung im Europäischen Parlament? Ergebnisse und Analysen rund um die Wahlen.

Europawahl 2024 - Ergebnisse und Analysen

Rechtspopulistisch oder rechtsextrem?

Welche Parteien gelten als rechtspopulistisch, welche als rechtsextrem? Eine einfache Antwort ist schwierig zu finden, gibt es doch oftmals Überschneidungen, eine Abgrenzung schwierig, Manche Autoren unterscheiden zwischen harten und weichen Extremismen beziehungsweise verwenden für die weiche Form andere Bezeichnungen wie Rechtsradikalismus oder Rechtspopulismus. Oft wird der Begriff „Rechtspopulismus" verwendet, um eine gemäßigte oder modernisierte Form von „Rechtsextremismus” zu bezeichnen . Im Zentrum der rechtspopulistischen Argumentation stehe „der kleine Mann" oder „das einfache Volk” gegen „das Establishment” oder „die da oben”. Als Feind können Regierungsapparate, Konzerne, Parteien oder Lobbyverbände dienen. In ihren Parolen fordern Rechtspopulisten oft „mehr Härte” gegenüber Migranten und schüren Ängste vor einer „Überflutung” und „Überfremdung”.  Um sich vom Rechtsextremismus abzugrenzen, betonen Rechtspopulisten gern ihre Verfassungstreue.

Rechtsextremismus hingegen in jeder seiner Varianten verfassungsfeindlich, da er den demokratischen Verfassungsstaat ablehnt oder ihn einschränken will und sich gegen die in der Verfassung verankerten Grundgesetze richtet.  Unter Rechtsextremismus versteht man Einstellungen oder Handlungen, die sich gegen die Gleichheit (bzw. Gleichwertigkeit) aller Menschen richten. Rechtsextremisten und Rechtsextremistinnen streben danach, ein autoritäres oder totalitäres staatliches System zu errichten. Die Grundlage bildet dabei nationalistisches und rassistisches Gedankengut. Das Weltbild ist außerdem durch Fremdenfeindlichkeit, völkische Ideologie, Antisemitismus und Geschichtsrelativierung gekennzeichnet. Rechtsextremes Denken führe nicht automatisch zu rechtsextremem Verhalten. Bei weitem nicht alle Menschen mit rassistischen Einstellungen wählen beispielsweise auch eine rassistische Partei, schließen sich rechtsextremen Organisationen an oder setztn ihre menschenfeindlichen Ansichten in Gewalttaten um.
(Quelle: BpB-Glossar)

Im Unterschied zum Rechtsextremismus verstehe sich der Rechtspopulismus keineswegs als antidemokratisch; so der Politologe Frank Decker, er beanspruche im Gegenteil die Vertretung der wahren Demokratieform, indem er den vermeintlichen Volkswillen gegen die Rechte von Einzelnen oder Minderheiten in Stellung bringe.

Dass Rechtsextremismus und Rechtspopulismus eine erfolgreiche Verbindung eingehen können, lasse sich historisch an den Beispielen des Nationalsozialismus und des italienischen Faschismus belegen, so Decker weiter. Blicke man auf die heutigen Rechtsaußenparteien, gelte die Formel allerdings nur eingeschränkt. Standen Parteien wie der französische Front National oder der belgische Vlaams Blok lange Zeit für eine extremistische Spielart des Rechtspopulismus, war es etwa bei Silvio Berlusconis Forza Italia unstreitig, und ist es auch m Falle von Geert Wilders’ Freiheitspartei in den Niederlanden unzweifelhaft, dass sie nicht als rechtsextrem gelten können. Gleichzeitig gäbe es Parteien wie die österreichische FPÖ oder die AfD hierzulande, die zwar nicht durchgängig rechtsextrem seien, aber teilweise rechtsextreme Züge tragen. Rechtspopulistische Parteien wie die AfD hätten das Potenzial, eine starke Sogwirkung im rechtsextremen Lager entfalten. Weil sich die Rechtspopulisten einen gemäßigteren Anstrich gäben, böten sie den rechtsextremen Akteuren Gelegenheit, ihre eigene Stigmatisierung zu überwinden. So habe gerade die AfD ihre Brücken nach ganz rechts außen zunehmend ausgebaut und verstärkt.
(Quelle: Rechtspopulismus und/oder Rechtsextremismus? Neue Frankfurter Hefte)

Populismusforscher haben in der „PopuList” (September 2023) Parteien der EU-Staaten den Kategorien „extrem links“, „extrem-links populistisch“, „populistisch“, „extrem-rechts populistisch“ und „extrem-rechts“ zugeordnet.  Eine theoretische Basis dieser Zuordnung ist die Rechtspopulismus-Definition des Niederländers Cas Mudde. Die gängige Einordnung erklärt Politologe Endre Borbáth wie folgt: Rechtspopulistische Parteien kombinierten Nativismus und Populismus. „Der Nativismus vertritt die Auffassung, dass Staaten ausschließlich von Angehörigen der einheimischen Gruppe (‚der Nation‘) bewohnt werden sollten und dass nicht einheimische Menschen und Ideen eine grundlegende Bedrohung für den homogenen Nationalstaat darstellen. Der Populismus verbindet einen Appell an das Volk (oft sehr offen gehalten) mit Anti-Elitismus.“ Rechtsextremisten lehnten zudem das politische System ab und stellten oft die Demokratie infrage.

Populismus in Europa - Aktuelle Trends

In diesem Beitrag präsentiert der Politikwissenschaftler Seongcheol Kim aktuelle Entwicklungstendenzen rund um Populismus in Europa und differenziert diese im Sinne einer breit gefächerten Bestandsaufnahme mit Blick auf populistische Phänomene im linken, zentristischen und rechten Parteienspektrum im vergangenen Jahrzehnt aus. Hervorgehoben werden insbesondere drei Trends: das partielle Abebben der linkspopulistischen Erfolgswelle in Südeuropa, das verschwindend geringe Phänomen des zentristischen Populismus und das fortschreitende Mainstreaming des rechten Randes durch etablierte Mitte-Rechts-Parteien.

Aktuelle Trends
 

Fraktionen am rechten Rand

Im Europäischen Parlament gibt es derzeit drei Fraktionen, die dem rechtspopulitischen bis rechtsextremistischen Spektrum zuzuordnen sind: die „Europäischen Konservativen und Reformer" (EKR/ECR), die „Patrioten für Europa” (PfE) und die Fraktion „Europa Souveräner Nationen” (ESN). Die Fraktionen am rechten Rand haben bei der Europawahl 2024 insgesamt an Sitzen hinzugewonnen und werden somit das Zentrum des künftigen Europäischen Parlaments weiter nach rechts verschieben. Für welche Positionen stehen die Fraktionen? Warum überhaupt gibt es drei Fraktionen am äußeren rechten Rand und nicht eine?

 Rechtsaußen-Fraktionen im Europaparlament

Parteien am rechten Rand

In immer mehr EU-Mitgliedstaaten gelingt es rechtspopulistischen oder rechtsextremen Parteien, sich an der Regierung zu beteiligen. In Frankreich kam es zu anhaltenden Unruhen, die die Debatte nach rechts verschoben. In Deutschland befindet sich die AfD (zumindest in Umfragen) im Aufwind. In manchen EU-Staaten gingen rechtspopulistsiche Parteien als stärkste Kraft aus der Europawahl hervor. Welche Parteien sind dem Spektrum rechts der Mitte zuzuordnen? Wie haben diese Parteien bei der Europawahl 2024 abgeschnitten? Eine Aufstellung der einzelnen Parteien mit jeweiligem Kurzporträt:
Rechtspopulistische und rechtsextreme Parteien in Europa

Rechtsaußenparteien im Wandel

Dieser Beitrag von Anna-Sophie Heinze und Léonie de Jonge reflektiert kritisch zentrale Befunde dieser Forschung mit Schwerpunkt auf Deutschland und Europa. Zunächst  werden  konzeptionelle  Entwicklungen  diskutiert  und  begründet,  warum  der  Sammelbegriff  „Rechtsaußen“ die zugrunde liegenden Phänomene präziser erfasst als der häufig verwendete Populismusbegriff. Anschließend wird gezeigt, dass sich die Ideologie dieser Parteien zunehmend ausdifferenziert hat und längst über das Thema Migration hinausgeht. Auch organisatorisch haben sich Rechtsaußenparteien  professionalisiert und ihre Mobilisierungsstrategien online sowie offline deutlich erweitert. Mittlerweile haben sie sich in vielen Parteiensystemen dauerhaft etabliert – mit weitreichenden Konsequenzen für die For-schung sowie für den Umgang von Parteien, Medien und Zivilgesellschaft mit diesen Akteuren.

Rechtsaußenparteien im Wandel
 

Welche Forderungen stellen Rechtsaußenparteien?

Die gemeinsamen Forderungen dieser Parteien zielen auf eine Beschränkung der Einwanderung, eine Stärkung der Nationalstaaten und eine Schwächung der europäischen Institutionen ab.

In Deutschland könnte die eurokritische Alternative für Deutschland (AfD), die sich selbst gegen den Begriff Rechtspopulismus wehrt, bei der kommenden Europawahl deutlich über zwanzig Prozent der Stimmen erhalten. Die Partei steht mit einigen ihrer Positionen in der Kritik. Darüber werden inzwischen mehrere Landesverbände der AfD vom verfassungsschutz als „gesichert rechtsextremistisch“, als „Beobachtungsfall“ oder als „Verdachtsfall“ eingestuft. Das Bundesamt für Verfassungsschutz arbeitet an einem Gutachten zur Neueinstufung der AfD-Bundespartei. Darin soll offenbar die  gesamte AfD als „gesichert extremistisch” eingestuft werden, wie Recherchen der „Süddeutschen Zeitung” ergeben haben. Die AfD schürt mit ihrer Europaskepsis. ihrer Kritik an den europäischen Institutionen und ihren Vorbehalten gegenüber Einwanderern die Angst einer wachsenden Gruppe deutscher Wähler:innen und versammelt viele Protestbürger hinter sich. Indem die AfD „Remigrationsprogramme“ fordert, benutzt sie mit den Begriff „Remigration“ in ihrem Wahlprogramm das „Unwort“ des Jahres 2023, das zur verharmlosenden „Tarnvokabel“ von Rechtsextremen geworden ist. Seit der Aufdeckung eines Geheimtreffens von AfD-Politikern und Rechtsextremisten zur Vertreibung von Menschen mit Migrationshintergrund kommt es seit Anfang des Jahres deutschlandweit zu Massenprotesten gegen die AfD. Diese Protestbewegung könne durchaus zu einer Bewusstseinsschaffung beitragen, so Extremismusforscherin Julia Ebner. Mehr Menschen könnten sich mit der Frage beschäftigen, was eigentlich auf dem Spiel steht und wie ernst die Lage ist: Was würde das am Ende des Tages bedeuten, wenn eine Partei wie die AfD tatsächlich stimmenstärkste Partei wäre oder in der Regierung säße?

Ähnlich extreme Positionen vertreten in Europa einige weitere Parteien. Ihnen werden trotz oder wegen ihrer scharfen Thesen in Prognosen Zugewinne und Wahlerfolge prognostiziert.

In Frankreich etwa beschreibt die Rassemblement National (ehemals Front National) sich selbst als „patriotisch” und „national” im Sinne „französischer Identität, Tradition und Souveränität“. Sie fordert, dass französische Staatsbürger:innen bei der Arbeitsplatzsuche und bei Sozialleistungen gegenüber Nicht-Franzosen bessergestellt werden. Illegale Einwanderer in Frankreich möchte die Partei als „Menschen ohne Papiere” ausweisen. Marine Le Pen (bis 2022 Parteivorsitzende) will ihre Nation vor der „europäischen Sowjetunion“ schützen. Bei der kommenden Präsidentschaftswahl wird sie nach eigenen Angaben abermals antreten. Da Macron eine erneute Kandidatur ausschließt, werden Le Pen gute Chancezn zugesprochen.

In Italien ist seit der vergangenen Parlamentswahl die Postfaschistin Giorgia Meloni von der Partei Fratelli d’Italia Ministerpräsidentin. In einer Koalition mit den ebenfalls weit rechts stehenden Parteien Forza Italia und Lega bedient Meloni In ihrer Rhetorik das Narrativ der Mutter und Christin, die gegen eine angebliche linke Vorherrschaft ankämpft. Auch Einwanderer werden immer wieder zum Feindbild gemacht.

Im Programm der Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ) heißt es: „Wir bekennen uns zu unserem Heimatland Österreich als Teil der deutschen Sprach- und Kulturgemeinschaft, zu unseren heimischen Volksgruppen sowie zu einem Europa der freien Völker und Vaterländer“. Die FPÖ fordert einen Zuwanderungsstopp und die sofortige Abschiebung kriminell gewordener Ausländer, einer ihrer Grundsätze lautet „Österreich ist kein Einwanderungsland“.

Die niederländische PVV warnt vor einer Islamisierung der Niederlande und will die Einwanderung begrenzen. Außerdem fordert sie ein härteres Vorgehen gegen kriminelle Ausländer. Parteichef Wilders fordert einen Austritt der Niederlande aus dem Euro-Raum sowie die Abschaffung des EU-Parlaments und der Kommission.

Die ungarische Jobbik versteht sich selbst als eine „werteorientierte, konservative, aber radikal agierende, christliche und patriotische“ Partei, wird aber allgemein als rechtsextrem eingestuft. Hassrhetorik gegen Minderheiten ist Programm der Jobbik, die die Wiedergeburt von Großungarn als Ziel verfolgt. Sie fordert den Austritt Ungarns aus der Europäischen Union. Auch die Fidesz, die seit Jahren viele Wähler:innen für sich gewinnen kann, spricht sich zugunsten nationaler Interessen für eine Schwächung der EU aus und setzt auf eine restriktive Einwanderungspolitik. Der Austritt der Fidesz aus der Europäischen Volkspartei (EVP) und deren Fraktion im Europäischen Parlament markierte den endgültigen Schlusspunkt der Tolerierung der Partei als Teil der politischen Mitte.

Eine aktuelle IPPEN.MEDIA-Analyse von Februar 2024 betrachtet die Ergebnisse der jeweils jüngsten Parlamentswahlen. Demnach zeichnen sich in zahlreichen europäischen Ländern weitere Zugewinne für rechtspopulistische und rechtsextremistische Parteien ab. So legten Parteien am rechten Rand etwa in Belgien, Rumänien, Portugal, Zypern und Frankreich zweistellig zu. Seit den jüngsten Parlamentswahlen verzeichnet die FPÖ in Österreich + 12,8 Prozentpunkte, die Rassemblement National und Reconquête in Frankreich
 + 10,1 Prozentpunkte. In Portugal könnte sich die hart rechte Chega! bei der vorgezogenen Neuwahl im März 2024 Umfragen zufolge mehr als verdoppeln und einen Zuwachs von + 11,6 Prozentpunkten erzielen. In Rumänien könnte die AUR zweistellige Zugewinne von + 11,9 Prozentpunkten erreichen. Ebenso werden für die ELAM  in Zypern ein Zugewinne von + 10,2 Prozentpunkten prognostiziert.  In Belgiens Landesteil Flandern rangieren die rechtsextreme Vlaams Belang (VB) und die flämisch-nationalistische N-VA wenige Monate vor der Parlamentswahl, die ebenfalls am 9. Juni 2024 stattfinden wird, in den Umfragen bei 47 Prozent.

Populismus und Migration

Das Thema Migration gilt heute in besonderer Weise als Katalysator für die Wahlerfolge rechter Populisten. Wie nicht zuletzt das vergangene Jahrzehnt gezeigt hat, können Fragen von Zuwanderung, Flucht und Asyl besonders leicht emotional aufgeladen werden, politische Freund-Feind-Zuschreibungen provozieren und  gesellschaftliche Polarisierungsdynamiken verstärken. Migration scheint damit wie kaum ein anderes Thema dazu geeignet, etablierte politische Institutionen unter Stress zu setzen und eine Demokratie für Populis-men aller Art verwundbar zu machen. Der Beitrag von Maik Herold analysiert dieses Zusammenspiel von Populismus und Migration, identifiziert zentrale Erklärungsfaktoren und führt diese mit aktuellen empirischen  Befunden aus Politik- und Sozialwissenschaft zusammen. Er zeigt, dass Migration heute zu einer Schlüsselfrage unserer Demokratie geworden ist, an der sich gesellschaftliche Spaltungslinien bündeln und die Prob- lemlösungsfähigkeit demokratischer Institutionen sichtbar wird.

Populismus und Migration
 

In welchen Ländern sind/waren Rechtsaußenparteien an der Regierung beteiligt?

In Italien stellt eine rechtspopulistische Partei die Regierungschefin: Giorgia Meloni von der Partei Fratelli d’Italia ist seit 2022 Ministerpräsidentin Italiens.  Auch in Ungarn war Victor Orban von der Fidesz-Partei seit 16 Jahren an der Regierung. Die Parlamentswahl 2026 führte jedoch zur Abwahl Orbans und zu einem Kurswechsel im Land. Die Oppositionspartei Tisza unter Péter Magyar ging mit 53,2 Prozent der Stimmen als klare Siegerin hervor. Die Fidesz und die rechtskonservative KDNP kamen mit ihrem Wahlbündnis gemeinsam auf nur 38,4 Prozent der Stimmen. Auch in Polen kam es im Zuge der Parlamentswahl 2023 nach 8 Jahren PiS-Regierung zu einem Regierungswechsel. Die PiS blieb zwar stärkste Kraft, fand aber keine Koalitionspartner. Die oppositionellen Parteienbündnisse Bürgerkoalition, Dritter Weg und Neue Linke  kamen zusammen auf rund 53 Prozent und konnten eine Regierungskoalition bilden. Somit konnte die Opposition in Polen einen weiteren Durchmarsch der PiS stoppen und einen Kurswechsel herbeiführen. Ministerpräsident wurde Donald Tusk von der Bürgerplattform. Durch den Wahlsieg des der PiS nahestehenden Kandidaten Karol Nawrocki bei der Präsidentschaftswahl im Juni 2025 erhielt die PiS wieder neuen Aufschwung und bringt die Regierung unter Tusk in Bedrängnis.

Die neu angesetzten Parlamentswahlen 2024 in Frankreich erbrachten ein überraschenden Ergebnis. Obwohl das Bündnis um die Rassemblement National RN in beiden Wahlgängen mit über 30 Prozent ein historisch bestes Ergebnis erzielte und die meisten Stimmen erhielt, musste es sich bei der Stimmverteilung nach dem zweiten Wahlgang was die Anzahl der Mandate anbelangt am Ende dennoch mit Platz drei begnügen.  Aufgrund des französischen Wahlsystems und der taktischen Bündnisse der gegnerischen Parteien, konnten diese in den Stichwahlen der Wahlkreise viele Sitze vor dem RN für sich verbuchen.

Auch in den Niederlanden gestaltete sich die Regierungsbildung nach den vorgezogenen Parlamentswahlen 2023 schwierig. Wahlsieger Geert Wilders, Chef der Partei „Partei für die Freiheit” (PVV),  wollte Premier werden, doch nachdem die Koalitionsverhandlungen im Februar 2024 geplatzt waren, war klar, unter Wilders ist die Bildung eines Mehrheitskabinetts nicht mehr möglich, es bliebe allenfalls die Möglichkeit einer Minderheitsregierung. Im März 2024 hatte Wilders eingeräumt, dass er nicht Ministerpräsident werden könne, es fehle ihm dafür die nötige Unterstützung der Parteien, mit denen er eine Koalition angestrebt habe.. Im Mai teilte Wilders mit, seine Partei habe sich mit drei weiteren Parteien auf einen entsprechenden Vertrag geeinigt. Der der neuen rechts-konservativen Koalitionsregierung gehörte neben Wilders rechter Partei die liberal-konservative Partei VVD des scheidenden Ministerpräsidenten Rutte sowie zwei weitere rechts-konservative Parteien an. Die Koalitionsparteien haben sich auf Dick Schoof, früherer Geheimdienstchef und parteiloser Spitzenbeamter, als neuen Ministerpräsident geeinigt. Im Streit um die Asylpolitik hat Wilders im Juni 2025 jedoch den Austritt seiner Partei aus der Regierungskoalition bekannt gegeben und die Koalition platzen lassen, Die Entscheidung führte zu Neuwahlen im Oktober 2025. Dabei sorgte das starke Abschneiden der sozial-liberalen Partei D66 für eine Überraschung. Sie ging mit 16,9 Prozent der Stimmen als stärkste Kraft aus der Wahl hervor. Die von Wilders geführte PVV erreichte nur noch 16,7 Prozent der Stimmen und landete auf dem zweiten Platz. Die rechtsliberale Volkspartei für Freiheit und Demokratie VVD erzielte 14,2 Prozent der Stimmen. Die Regierungsbildung in der zersplitterten Parteienlandschaft der Niederlande gestaltete sich abermals schwierig, am Ende der Verhandlungen bildete sich eine Minderheitsregierung aus den Parteien D66, VVD und CDA.

Die Regierung in Schweden unter Premier Kristersson ist seit Ende 2022 mit Unterstützung der rechtsnationalen Schwedendemokraten im Amt. In Finnland stellt der konservative Regierungschef Petteri Orpo seit 2023 im Bündnis mit der rechtspopulistischen Finnen-Partei und zwei weiteren Parteien eine Mitte-rechts-Regierung. Die „Wahren Finnen“ sind trotz Rechtsextremismus-Skandalen direkt an der Regierung beteiligt.

Welche Gründe gibt es für ihren Erfolg?

Die Unzufriedenheit, die den rechtspopulistischen Parteien in Europa großen Zulauf beschert, ist keineswegs aus der Luft gegriffen – im Gegensatz zu den Thesen, mit denen die Protestparteien werben. Die Unzufriedenheit entsteht aus einer realen Angst, die die Rechtspopulisten keineswegs erfunden haben: der Angst der Mittelschichten vor sozialem Abstieg. Das ist zu weiten Teilen das Rekrutierungsfeld der neuen Rechtsparteien.

Wer Angst hat, sucht nach einem Schuldigen, den er für seine Frustration zur Rechenschaft ziehen kann. Die Rechtspopulisten nutzen jedoch diesen menschlichen Reflex für inhumane Parolen. Sie lenken Angst und Wut, die ja durchaus ihre Gründe haben, gezielt auf Feindbilder, die von den Ursachen der Misere ablenken, statt diese zu benennen oder gar zu beheben.

Ihre Feindbilder sind Einwanderer, Muslime und vermeintliche „Leistungsverweigerer“, die Sozialleistungen beziehen. Ohne Zweifel steht die Gesellschaft aufgrund der ausgeprägten Fluchtbewegungen vor großen Herausforderungen.

Jedoch wirkt ein derartiger Populismus destruktiv und zermürbt die Gesellschaft. Das relativ hohe Maß an Toleranz und Liberalität, das sich in Gesetzen  und europäischen Gesellschaften durchgesetzt hatte, wird umgedeutet in das genaue Gegenteil. Als intolerant und illiberal gilt nun der „Zwang“ zur Toleranz: „Ich habe nichts gegen Schwule, aber kommt unsereins gar nicht mehr zu Wort?“ In der Konsequenz sind solche Sätze nur eine Variation der Idee, es seien Minderheiten und deren Fürsprecher, die einem das Leben mehr oder weniger vermiesen.

Als Wundermittel gegen all die Unübersichtlichkeiten feiert schließlich der vermeintliche Schutzraum namens Nation Wiederauferstehung: Gezeichnet wird so das Trugbild von einer Welt, die es seit Jahrhunderten nicht mehr gibt und in der jede Nation die mehr oder weniger großen Früchte ihres Fleißes ungestört erntet. 

Eine Verantwortung für die Erfolge der Angstpolitik von rechts haben sich auch die Parteien der sogenannten Mitte zuzuschreiben. Eine Politik, die nach den abgehängten Unterschichten auch die Mittelschichten trifft, befördert Wut und Angst und ist Treibstoff des rechten Populismus in Europa.

Ideologische Hintergründe

Wie die Friedrich-Ebert-Stiftung in ihrer „Vision Europa“ 2014 festhält, ist es einigermaßen schwer, den Rechtspopulismus gegenüber der extremen Rechten auf der einen Seite und gegenüber Konservatismus und Liberalismus auf der anderen Seite abzugrenzen. Die Grenzen seien hier fließend. Allerdings würden Rechtspopulisten den Willen „des Volkes“ gegenüber traditionellen Parteien, Eliten, Medien und Institutionen beanspruchen. Es gibt demnach bei rechtspopulistischen Parteien eine Vorstellung, dass Menschen ungleich (im Sinne von ungleichwertig) sind. Das Volk, für das die Rechtspopulisten sprechen, ist somit nur ein Bruchteil der Menschen eines Landes.

Rechtspopulismus zeigt unter anderem nationalistische, rassis­tische, unsoziale und homophobe Züge. Deswegen kann eine große Anzahl an Menschen gar nicht dem „Volk der Rechtspopulisten” angehören. In ihrer Programmatik ist von diesem Menschenbild oft wenig zu spüren. Rechtspopulistische Parteien verstehen sich auch weniger als Parteien denn als soziale Bewegungen mit charismatischen Führungsfiguren.

Für den Rechtspopulismus spielen ökonomische Gründe eine untergeordnete Rolle. Vielmehr hat die Entwicklung und Rolle des Wohlfahrtsstaates Einfluss, stellt Karin Priester in ihrem Aufsatz „Rechtspopulismus und Demokratie in Europa” fest. So würden die Menschen nicht den intervenierenden Staat als solchen, sondern seine universalistischen Grundlagen und seine „technokratische” Umverteilungspolitik kritisieren. Es geht um einen grundsätzlichen Angriff auf das liberaldemokratische Demokratieverständnis – im Namen von mehr Demokratie.

Beispielhaft macht das Steffen Angenendt in „Einwanderung und Rechtspopulismus. Eine Analyse im europäischen Vergleich“ deutlich. Er untersuchte die Entwicklungen in Frankreich, Österreich, Italien, Dänemark, Norwegen, in den Niederlanden, der Schweiz sowie Ungarn und kam zu dem Schluss, dass es keinen direkten Zusammenhang zwischen Rechtspopulismus und Einwanderung gibt. Vielmehr würden Rechtspopulisten das Versagen der „etablierten“ Parteien bei dem „Tabuthema Einwanderung“ ausnutzen.

Die länderübergreifend vorherrschende rechtsextreme Doxa, ihre Denk- und Wertegemeinschaft, betone, dass das christliche Abendland bewusst durch eine geheime Gruppe eines „tiefen Staates“ in multikulturelle Gesellschaften aufgelöst werde, die den Westen in volksfeindliche Richtungen lenke, so Extremismusforscher Christer Mattsson. Zugleich werde der Feminismus als Ursache für die Schwächung des „weißen Mannes“ gesehen. Traditioneller Antisemitismus verwandle sich in antisemitische Verschwörungstheorien, in denen über versteckte Machthaber und „Globalisten“ gesprochen werde, implizit aber Juden gemeint seien. All diese Ideen überschritten nationale Grenzen und würden von Politikern gern aufgegriffen, gleich ob von Neonazis in Europa oder Rechtsextremen in den USA.

Ein fast schon vergessenes Schlagwort geistert neuerdings durch politische Debatten:  Die vom einstigen französischen Staatspräsidenten Charles de Gaulle geprägte Ruf nach einem „Europa der Vaterländer“. Von rechtskonservativen Politikern wird die Formulierung derzeit bemüht, um ihre EU-feindlichen Programme zu vertuschen. Tatsächlich sei das von ihnen propagierte „Europa der Vaterländer“ nichts anderes als eine Chiffre für die Zerschlagung der Europäischen Union und die europaweite Wiedereinführung vollständig souveräner Nationalstaaten, so Autor und Philosoph Christoph Quarch. Eine Äußerung des Thüringer AfD-Chef Björn Höcke auf einem AfD-Parteitag vergangenen Jahres, nach der die Europäische Union sterben müsse, „damit das wahre Europa leben kann“, verrate, worum es beim „Europa der Vaterländer“ wirklich gehe.

Europaforscher Hans Kundnani weist hingegen darauf hin, dass es vielen rechtsradikale Parteien nicht darum gehe, die EU aufzulösen oder sie zu verlassen, vielmehr sei es ihr Anliegen, in der Europäischen Union zu arbeiten und sie umzugestalten. Was den zunehmenden Einfluss von rechts in der EU derzeit wahrscheinlich mache sei die Annäherung zwischen der „proeuropäischen gemäßigten Rechten“ und der europaskeptischen radikalen Rechten, so Kundnani.  Ein Teil der radikalen Rechten habe seinen Euroskeptizismus abgeschwächt – oder zumindest die politischen Strategien und die Rhetorik angepasst. Der Kompromiss und die Kooperation zwischen den Konservativen und der radikalen Rechten schaffe eine Art „proeuropäische“ Version rechtsradikaler Ideen und Themen, die sich stets um die Vorstellung einer angeblich bedrohten europäischen Zivilisation drehe.

Der Berliner Zivilgesellschaftsforscher Endre Borbáth sieht die Gründe für den wachsenden Zuspruch rechtspopulistischer und rechtsextremer Parteien in der „Repräsentationslücke im Parteiensystem“, welche die althergebrachten Parteien öffneten: „Die etablierten Parteien haben Schwierigkeiten, programmatische Entscheidungen zu treffen, um auf die Herausforderungen der Masseneinwanderung, der europäischen Integration und des Klimawandels zu reagieren“, urteilt Borbáth. Indem einige Mainstream-Parteien die Argumente rechtspopulistischer Parteien aufgriffen, normalisierten sie letztlich das Programm der rechtsextremen Herausforderer. Dies führe zu einem weiteren Erstarken der rechtsextremen Parteien, warnt Borbáth. Die These, eine Regierungsbeteiligung schade rechtsextremen Parteien, sei „sehr schwer zu vertreten“. Einige Parteien hätten die Rolle in der Regierungsverantwortung genutzt, um „politische Erfolge“ im Sinne ihrer Programme zu erzielen, so Borbáth weiter und warnt vor einem solchen folgenschweren Trugschluss.

Wie arbeitet das Europäische Parlament künftig mit stärker gewordenen Rechtsaußenkräften?

Es gibt keine festen Koalitionen wie wir es etwa vom Deutschen Bundestag kennen. Vielmehr werden etwa im Prozess, ein neues Gesetz europaweit auf den Weg zu bringen, von Fall zu Fall Mehrheiten gesucht. Sollten viele Rechtsaußenkräfte im Parlament vertreten sein, wird es dem konservativ-demokratischen Lager schwerer fallen, entsprechende Mehrheiten zu finden, ohne Stimmen am rechten Rand mit ins Boot holen und Kompromisse eingehen zu müssen.

Rechtsaußenpolitiker wie Giorgia Meloni, Viktor Orbán und Marine Le Pen könnten laut Experte Nicolai von Ondarza das Europaparlament zwar nicht aus den Angeln heben, künftig jedoch „die Parlamentsarbeit deutlich beeinflussen“.
Der Bremer Politologe Stefan Thierse sieht im möglichen Machtpoker von rechts eine „Sollbruchstelle“ im Europäischen Parlament. Die große Frage am Ende: Werden Mehrheiten in Europa künftig auch mit Rechtsaußen gemacht?
 

 

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